Das zentrale Problem beim Betrieb einer Wärmepumpe in einem Altbaugebäude mit Heizkörpern: Die alten Radiatoren brauchen 55–60 °C Vorlauftemperatur, um den Raum zu heizen. Aber eine Wärmepumpe arbeitet effizient nur bei 35–40 °C Vorlauftemperatur.
Diese Temperaturdifferenz ist die größte Effizienz-Falle in Deutschland. Sie kann die Jahresarbeitszahl von 4,5 auf 2,8 senken — das sind 38 % weniger Effizienz und 500+ Euro zusätzliche Stromkosten pro Jahr.
In diesem Artikel erklären wir, warum das passiert — und zeigen 3 praktische Lösungen, wie Sie Ihre Wärmepumpe auch mit alten Heizkörpern effizient betreiben.
Das Problem: Heizkörper-Auslegung nach alter Norm
Die meisten Heizkörper in Häusern von 1960–2000 sind nach der alten Norm ausgelegt:
- Vorlauftemperatur: 70 °C
- Rücklauftemperatur: 55 °C
- Solltemperatur im Raum: 20 °C
Das bedeutet: Der Heizkörper kriegt 70 °C warmes Wasser und gibt 55 °C kaltes Wasser zurück.
Eine Wärmepumpe dagegen ist optimiert für:
- Vorlauftemperatur: 35 °C (ideal)
- Rücklauftemperatur: 28 °C
- Raum: 20 °C (gleich)
Die Temperaturdifferenz zwischen Vorlauf und Raum ist entscheidend:
- Alte Norm (70 °C): 70 − 20 = 50 K Temperaturdifferenz
- WP-Betrieb (35 °C): 35 − 20 = 15 K Temperaturdifferenz
Mit der gleichen Fläche und dem gleichen Heizkörper können Sie ein Zimmer bei 35 °C Vorlauf NICHT heizen — der Wärmestrom ist zu klein.
Die LMTD-Formel erklärt das exakt:
Die logarithmische Mittlere Temperatur-Differenz (LMTD) beschreibt, wie viel Wärme ein Heizkörper abgibt:
Dabei ist:
- Qnom = Nennwärmeleistung des Heizkörpers (in Watt, bei 70/55/20)
- LMTDist = Tatsächliche mittl. Temperaturdifferenz (heute: 35/28/20)
- LMTDnom = Nominale mittl. Temperaturdifferenz (alt: 70/55/20)
- n = Exponent (typisch 1,3 für Plattenheizkörper)
Beispiel Typ 22 Heizkörper (Doppelplatte, Tiefenlüfter):
- Nominale Leistung (70/55/20): Qnom = 1.500 W
- LMTDnom = (70 − 20) − (55 − 20) / ln((70−20)/(55−20)) = (50 − 35) / ln(1,43) = 41,7 K
- LMTDist (35/28/20) = (35 − 20) − (28 − 20) / ln((35−20)/(28−20)) = (15 − 8) / ln(1,875) = 10,1 K
Das bedeutet: Der Heizkörper gibt bei 35 °C Vorlauf nur 232 W ab — statt 1.500 W bei 70 °C. Das ist gerade 15 % der Nennleistung.
Ein Wohnzimmer braucht aber zum Beispiel 1.500 W bei Winter. Mit einem einzelnen Typ-22 Heizkörper geht das nicht.
Die Folge: Schlechte Wärmepumpen-Effizienz (JAZ-Verlust)
Wenn eine Wärmepumpe zwangsweise auf 55 °C fahren muss (wegen alter Heizkörper), sinkt die Jahresarbeitszahl massiv:
| Vorlauftemperatur | COP bei Testbed. (A7/W35) | JAZ (realistisch) | Stromverbrauch 20.000 kWh Heizlast | Jahreskosten |
|---|
| 35 °C (optimal) | 4,5 | 4,5 | 4.444 kWh | 1.333 € |
| 40 °C | 4,0 | 4,0 | 5.000 kWh | 1.500 € |
| 45 °C | 3,5 | 3,5 | 5.714 kWh | 1.714 € |
| 50 °C | 3,0 | 3,0 | 6.667 kWh | 2.000 € |
| 55 °C (Altbau) | 2,5 | 2,8 | 7.143 kWh | 2.143 € |
| 60 °C (Worst Case) | 2,0 | 2,4 | 8.333 kWh | 2.500 € |
Strompreis: 0,30 €/kWh
Eine Absenkung von nur 5 °C (von 55 °C auf 50 °C) spart bereits 143 Euro pro Jahr oder 2.860 Euro über 20 Jahre.
Eine Absenkung um 20 °C (von 55 °C auf 35 °C) spart 810 Euro pro Jahr oder 16.200 Euro über 20 Jahre.
3 Lösungen: Vorlauftemperatur senken
Lösung 1: Heizkörper vergrößern oder austauschen
Der direkte Weg: Größere Heizkörper installieren, damit sie bei 35–40 °C ausreichend Wärme abgeben.
Beispiel: Sie hatten einen Typ-22-Heizkörper mit 1.500 W Nennleistung. Dieser gibt bei 35 °C nur 232 W ab. Sie brauchen aber 1.500 W.
Mit der LMTD-Formel rückwärts gerechnet, brauchen Sie einen Heizkörper mit:
Das ist ein Typ-33-Heizkörper (oder größer: Typ 20/40 = Doppelflächig + große Tiefe).
Praktisch üblich:
- Typ 21 (einfach): 1.000–1.200 W
- Typ 22 (Doppel): 1.500–1.800 W
- Typ 23 (Triple): 2.000–2.500 W
- Typ 30/30: 2.000 W (Konvektor)
- Typ 33: 2.500–3.200 W (Doppel XXL)
Kosten:
- Ein Typ-33-Heizkörper: 200–400 €
- Installation (umsteigen, Rohre anpassen): 150–300 €
- Pro Radiator: 350–700 € total
Für ein 150 m² Haus mit 12–15 Heizkörpern: 4.200–10.500 € Kosten.
Mit BAFA-Förderung 20 %: Kostet 3.360–8.400 €.
Amortisation: 4–6 Jahre (Stromersparnis 800+ €/Jahr).
Lösung 2: Fußbodenheizung nachrüsten (teilweise)
Eine elegantere Lösung: Fußbodenheizung in den wichtigsten Räumen einbauen (Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bad) und die weniger benutzten Räume mit vergrößerten Heizkörpern beheizen.
Fußbodenheizung-Vorteile für Wärmepumpen:
- Arbeitet ideal bei 35–40 °C Vorlauf
- Große Fläche (100+ m² je Raum) = viel Wärmeabgabe auch bei niedriger Temperatur
- Behagliche Wärmestrahlung (nicht konvektive Hitze wie Heizkörper)
Nachteile:
- Teuer: 100–150 €/m² Installation
- Eingriff in Estrich/Bodenaufbau
- Langer Aufwärmzyklus (2–4 Stunden)
Praxislösung: Fräs-Flächenheizung (Trockensystem)
- Schafft Rohre unter Estrich ohne Estrich zu brechen
- Kosten: 60–100 €/m²
- Installation Zeit: 2–3 Wochen
- Für alte Häuser oft besser als nasse Systeme
Beispiel: Ein 150 m² Haus, 70 m² Wohnfläche mit neuer Fußbodenheizung:
- Fußbodenheizung (70 m² × 80 €/m²): 5.600 €
- 8 vergrößerte Heizkörper für restliche Räume (8 × 500 €): 4.000 €
- Installationen, Rohre, Steuerung: 2.000 €
- Total: 11.600 €
Mit BAFA 20 %: 9.280 € Eigenanteil.
Amortisation: 5–7 Jahre.
Lösung 3: Gebäude dämmen (langfristig)
Die beste Lösung mittelfristig: Das Gebäude sanieren, damit der Heizwärmebedarf sinkt.
Wenn Sie den Heizwärmebedarf von 20.000 auf 10.000 kWh reduzieren (durch Fassadendämmung, Fenster, Dach), brauchen Sie mit der gleichen Heizkörper-Fläche 50 % weniger Leistung. Die Vorlauftemperatur kann dann von 55 °C auf 45 °C gesenkt werden.
Die Rechnung:
| Heizwärmebedarf | Alte Heizk. (55°C) | Neue Heizk. (45°C) | Einsparung |
|---|
| 20.000 kWh | 55 °C nötig | − | − |
| 15.000 kWh | 50 °C möglich | − | − |
| 10.000 kWh | 45 °C ausreichend | Neue Heizkörper 60 % | Nur 4 neue Heizkörper statt 8 |
Sanierungs-Investition:
- Außenfassade (150 m², 100 €/m²): 15.000 €
- Neue Fenster (20 Stk., 400 €): 8.000 €
- Dach dämmen (100 m², 150 €): 15.000 €
- Total Sanierung: 38.000 €
Mit KfW-Förderung und BAFA kombiniert: oft 50 % Förderung = 19.000 € Eigenanteil.
Langzeiteinsparung:
- Heizkosten sinken um 50 % (10.000 kWh statt 20.000 kWh)
- Wärmepumpe arbeitet bei JAZ 4,0 statt 2,8 → weitere Effizienzsteigerung
- Stromkosten sinken von 2.000 € auf 750 €/Jahr = 1.250 €/Jahr
- Amortisation der Sanierung: ca. 15 Jahre, aber mit Wohnqualität und Wertsteigerung des Hauses.
Hydraulischer Abgleich: Unverzichtbar
Egal welche Lösung Sie wählen — ein hydraulischer Abgleich nach TA Lüftung ist unverzichtbar.
Der Grund: Ohne Abgleich "kämpfen" die Heizkörper um warmes Wasser. Der nächste Heizkörper kriegt 55 °C, der entfernte nur 40 °C. Das zwingt die Wärmepumpe zu noch höheren Vorlauftemperaturen.
Mit hydraulischem Abgleich kriegt jeder Heizkörper genau die richtige Wassermenge — und die Wärmepumpe kann auf 45 °C fahren.
Kosten: 400–1.200 € (Fachbetrieb muss einzeln abstellen).
Einsparung: 3–7 % Stromverbrauch zusätzlich.
BAFA-Förderung: 20 % auf die gesamte Maßnahme.
Häufige Fragen
Wie hoch darf die Vorlauftemperatur bei einer Wärmepumpe sein?
Technisch: bis 65 °C (max. Verdichter-Auslastung).
Wirtschaftlich sinnvoll: max. 45 °C (sonst sinkt JAZ unter 3,5 und Betriebskosten explodieren).
Optimal: 35–40 °C (JAZ 4,0+, größte Einsparungen).
Kann ich alte Heizkörper mit einer Wärmepumpe betreiben?
Ja, aber mit Einbußen. Bei 55 °C Vorlauf (alte Heizkörper) sinkt die JAZ auf 2,7–3,0. Das ist noch wirtschaftlich (Amortisation 3–5 Jahre mit Förderung), aber nicht optimal.
Besser: Heizkörper vergrößern oder Fußbodenheizung nachträglich, um VL-Temperatur auf 40–45 °C zu senken.
Ab welcher Vorlauftemperatur lohnt sich eine Wärmepumpe noch?
Die BAFA-Förderung fordert minimal JAZ 2,7 für Luft-Wärmepumpen. Das entspricht etwa 55 °C Vorlauftemperatur im Altbau-Fall.
Bei höheren Temperaturen (60–65 °C) wird die WP wirtschaftlich unrentabel — die Betriebskosten übertreffen dann Gasheizung.
Was kostet es, alle Heizkörper für eine Wärmepumpe umzurüsten?
Für ein 150 m² Altbauhaus mit 12–15 Heizkörpern:
- Material (Typ-33-Heizkörper statt Typ-22): +30–50 % Kosten pro Heizkörper
- Installation (Umsteigen, Rohre anpassen): 150–300 € pro Radiator
- Total für alle: 5.000–10.000 €
Mit BAFA-Förderung: 4.000–8.000 € Eigenanteil.
Mit Hydraulischer Abgleich: +500–1.200 €.
Welche JAZ erreicht eine Wärmepumpe mit alten Heizkörpern bei 55 °C?
Luft-Wasser-Wärmepumpe, Altbau-Klima (Berlin): JAZ 2,8–3,0.
Das ist deutlich unter dem Optimum (4,0–4,5), aber noch wirtschaftlich.
Die gute Nachricht: Mit Heizkörper-Vergrößerung (Kosten 5.000–8.000 €) können Sie die JAZ auf 3,5–4,0 erhöhen und Stromkosten um 500+ Euro/Jahr sparen.
Fazit: Vorlauftemperatur ist der wichtigste Effizienz-Hebel
Die Vorlauftemperatur ist der größte Effizienz-Hebel bei Wärmepumpen. Jedes Kelvin zählt:
- 35 °C: JAZ 4,5, optimal
- 45 °C: JAZ 3,5, gut
- 55 °C: JAZ 2,8, noch rentabel, aber mit Einbußen
- 65 °C: JAZ 2,0, wirtschaftlich problematisch
Mit den 3 Lösungen (Heizkörper vergrößern, Fußbodenheizung, Gebäude dämmen) können Sie die Vorlauftemperatur senken — und damit 30–50 % Stromkosten sparen.
Der erste Schritt ist immer eine exakte Heizlastberechnung nach DIN EN 12831-1 für Ihr Gebäude. Damit wissen Sie genau, welche Vorlauftemperatur nötig ist — und welche Heizkörper-Sanierung Sie planen müssen.
Ermitteln Sie die optimale Vorlauftemperatur für Ihr Gebäude
Mit dem Mepbau Heizlast-Rechner berechnen Sie exakt, welche Vorlauftemperatur für Ihre Heizkörper nötig ist — und wie viel Stromkosten Sie mit einer Absenkung sparen.
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